Maß/Impuls

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Francois Nicolas Marquet: Nouvelle méthode facile et curieuse pour connoitre le pouls par les notes de la musique, Paris (2. Aufl.) 1769. Bildquelle: Alexandre Métraux; Rhythmen der Naturforschung und die Erforschung der Rhythmen.

In: Barbara Naumann (Hg.): Rhythmus. Spuren eines Wechselspiels in Künsten und Wissenschaften. Würzburg (Königshausen&Neumann) 2005

 
 
 
 
 
 
Die Zeit ist ein discretes Gebilde….

bild3„Ein oft gebrauchtes Bild vergleicht die Zeit mit einer aus- dehnungslosen Linie.  Durch dieses Bild hat man sich verführen lassen, der Zeit eine wesentliche Eigenschaft des Raumes, die Stetigkeit, ebenfalls zuzuschreiben. Aber die Zeit an sich ist ein discretes Gebilde. Sie besteht aus einzelnen Vorstellungen, die sich an einander fügen; ein einziges unverändert andauerndes Vorstellen könnte niemals zur Zeitanschauung führen.“

Wilhelm Wundt: Grundzüge der physiologischen Psychologie. Leipzig 1874
 
 
 
Kleine Asynchronien…
Rhythmuswahrnehmung als dynamische Überlagerung von Gefühlsdimensionen

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Wilhelm Wundt, Grundriss der Psychologie, Leipzig 1896

„Den allgemeinen Verlauf dieser Empfindungen und Gefühle bei einer Reihe regelmäßig aufeinander folgender Taktschläge kann man sich daher etwa durch die Kurven in Fig. 20 veranschaulichen, wo die unterbrochene Linie dem Verlauf der Empfindungen mit ihren den Taktschlägen l, 2, 3 … entsprechenden Höhepunkten, die ausgezogene dem Verlauf der Gefühle, in den aufwärts gerichteten Teilen den Spannungsgefühlen der Erwartung, in den abwärts gerichteten den Lösungsgefühlen beim Eintritt jedes neuen Taktschlags, entspricht.“
 
 
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„Den allgemeinen Verlauf dieser Empfindungen und Gefühle bei einer Reihe regelmäßig aufeinander folgender Taktschläge kann man sich daher etwa durch die Kurven in Fig. 20 veranschaulichen, wo die unterbrochene Linie dem Verlauf der Empfindungen mit ihren den Taktschlägen l, 2, 3 … entsprechenden Höhepunkten, die ausgezogene dem Verlauf der Gefühle, in den aufwärts gerichteten Teilen den Spannungsgefühlen der Erwartung, in den abwärts gerichteten den Lösungsgefühlen beim Eintritt jedes neuen Taktschlags, entspricht.“

Wilhelm Wundt,Die zeitlichen Gehörsvorstellungen, in: Grundriss der Psychologie, Leipzig 1896

bild6Wilhelm Wundt, Gefühlsdimensionen von Puls und Atmung, in: Grundriss der Psychologie, 1896

Leben, Zeit, Messung

„Das Leben, das da ab dem 19. Jahrhundert entdeckt wird, ist eines, das in der Zeit verläuft. Die Konsequenz dieses trivialen Befundes sind grundlegende Veränderungen in der Datengeschichte des Lebens. Was immer sich als Zeit konzeptualisieren lässt – als Takt, als Puls, als Frequenz, als Rhythmus – wird Gegenstand einer schier universalen Aufmerksamkeit, gleichgültig, ob es um die Motorik im allgemeinen oder Sonderformen wie die des Sprechens geht.“

Stefan Rieger: Die Gestalt der Kurve. Sichtbarkeiten in Blech und Draht.
In: Susanne Strätling, Georg Witte (Hg.): Die Sichtbarkeit der Schrift. München 2006

Zeitgestalten, Zeitkörper

“Empfinden, also im strengen Sinne des Wortes sehen können wir nur das Gegenwärtige, d. h. nur eine Stellung der Beine. Wo wir Bewegung zu sehen vermeinen, ist unsere Erinnerung schon im Spiele.”

Christian von Ehrenfels: Über “Gestaltqualitäten”. In: Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 14, 3 (1890)

„Bewegung und Resultat der Bewegung müssen genau unterschieden werden. Wenn jemand über einen Sumpf läuft und Spuren hinterlässt, dann ist die Aufeinanderfolge dieser Spuren, so gleichmäßig sie auch sein mag, kein Rhythmus. Rhythmisch geformt ist nur das Laufen, und die entsprechenden Spuren sind lediglich Daten zur Beurteilung dieses Laufens. Zu sagen, die Spuren seien rhythmisch verteilt, ist wissenschaftlich nicht vertretbar.“

Osip Brik: Rhythmus und Syntax (1927). In: Wolf-Dieter Stempel (Hg.): Texte der russischen Formalisten. Band 2. München (Fink) 1972.

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Aleksandr Rodčenko: Gehende Figur (1928)

„Ich schreite einher, schlenkere mit den Armen und brumme vor mich hin, noch fast ohne Worte, mal verkürze ich den Schritt, um mein Gebrumme nicht zu stören, mal beschleunige ich das Brummen im Takt des Schreitens. So wird der Rhythmus zurecht gehobelt und ausgeformt – er ist die Grundlage jedes poetischen Dings, er durchzieht es mit seinem Getöse. Schrittweise beginnt man aus diesem Getöse einzelne Wörter herauszulösen.“

Vladimir Majakovskij: Wie macht man Verse? (Kak sdelat‘stichi? 1926). In: Sobranie sočinenij v dvenadcati tomach. Bd. 11, Moska 1978, S.236-270)
 
 
Intonation, Impuls

„Der Rhythmus ist in uns die Intonation, die der Auswahl der Worte und Zeilen vorausgeht; dieses Sangbare nennt jeder Dichter in sich den Rhythmus; Puschkin, Blok, Goethe, Brjussow, Fjet, Majakowskij, Goethe stellen unabhängig von ihren jeweiligen Richtungen den Laut vor das Bild und die Erkenntnistendenzen; die Dichtung ist uns im intonatorischen Rhythmus gegeben; der Rhythmus eben ist der Abdruck/die Prägung (печать) der inneren Intonation […].“

Andrej Belyj: Rhythmus als Dialektik (Ritm k dialektika). Moskau 1929.
 
 
Fächer, Falten

„Die auf solche Weise miteinander verbundenen Phänomene formen eine Art Fächer, dessen Flügel in der Zeit entfaltet werden können, der sich jedoch zugleich der Zusammenfaltung fügt, die dem Geist überlassen ist.“

Ossip Mandelstam: Über die Natur des Wortes (O prirode slova, 1922). In: Ossip Mandelstam: Über den Gesprächspartner. Gesammelte Essays I, 1913-1924. Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Ralph Dutli. Zürich (Amman) 1991
 
 
„Für ihn gibt es keine Schlagbäume in der Zeit, Ka geht aus Träumen in Träume, durchschneidet die Zeit und erreicht die Bronze (die Bronze der Zeiten). In den Jahrhunderten lässt er sich bequem nieder wie auf einem Schaukelstuhl. Vereinigt nicht auch das Bewusstsein die Zeiten so wie Sessel und Stühle des Gastzimmers.“

„Ему нет застав во времени, Ка ходит из снов в сны, пересекает время и достигает бронзы (бронзы времен). В столетиях располагается удобно, как в качалке. Не так ли и сознание соединяет времена вместе, как кресло и стулья гостинной.“

Velimir Chlebnikov, „Ka“ (1915/16): In: Sobranie proizvedenij, Bd. 4, Leningrad 1932