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Rhythmus und Projektion. Möglichkeitsdenken der sowjetischen Avantgarde

Ein Forschungsprojekt am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Freie Universität Berlin. Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Das Projekt „Rhythmus und Projektion“ will zur Neubewertung der sowjetischen künstlerischen Avantgarden der 1910er bis 1930er Jahre beitragen. Deren zukunftsgerichteter Grundgestus soll als ein Denken und Handeln im Modus beweglicher Entwürfe – im Gegensatz zu einem deterministischen Konzept der Utopie – verstanden werden. Eine solche Emphase des Möglichen verdichtet sich in den Begriffen Rhythmus und Projektion. Beide sollen als Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Diskursen, künstlerischen und medialen, sozialen und politischen Praktiken freigelegt werden.

Zwei Methoden werden miteinander verbunden: die diskursgeschichtliche Rekonstruktion der Verwendungsweisen von Rhythmus und Projektion als Konzepten einerseits, die vergleichende Untersuchung von künstlerischen Praktiken und deren wechselseitigen Überkreuzungen andererseits. Der Fokus liegt ebenso auf Vernetzungen mit internationalen Diskurskontexten und Anschlüssen an heutige künstlerische und politische Praktiken.

Interdependenzen zwischen Rhythmus und Projektion ergeben sich in mehrfacher Hinsicht: Sie zeigen sich in der Koppelung von bewegungsrhythmischen Trainingspraktiken an die Ausbildung eines antizipatorischen Bewusstseins ebenso wie in zeitpsychologischen Bindungen des  Rhythmuserlebens an projektive „Erwartungen“. Zudem wird der Rhythmus zur Bedingung energetischer Übertragungen zwischen unterschiedlichen Künsten, und mehr als das: zwischen sozialen, politischen und künstlerischen Bewegungsformen.

Rhythmuskonzepte und rhythmische Praktiken bilden Schnittstellen zwischen unterschiedlichsten Diskursen: den Disziplinen der Psychologie, der Sprachpaläontologie und Ethnologie, der Poetik, der Musikwissenschaft, der Chоreographie, Theater- und Filmkonzepten, der Körperkultur und den Tanz- und Gymnastikbewegungen der frühen Sowjetunion. Der Rhythmus ist eine politische Macht. Er ist Bedingung für die Verfestigung von Routinen und für die Ausbildung von Flexibilität zugleich. Er lässt Kollektivkörper als Effekte kinetischer Resonanzen entstehen, und er ist Schule und Spiel kreativer Dissonanz.

Praktiken und Theorien des Rhythmus sollen als ein Paradigma schöpferischer Ermöglichung verstanden werden – in Spannung zu ihrem reduzierten Verständnis als Formen der Konditionierung (durch Trainings- und Automatisierungsmethoden in Gymnastik, Arbeits-organisation, Tanz und Theater). Rhythmus wird in ästhetischen und anthropologischen Diskurses der Moderne als Erfahrungsform von Veränderung und Erneuerung verstanden. Rhythmus ist eine „transformative“ Kraft, er ist aufbrechender „Impuls“ und Auslöser eines beständigen Wandels und Migrierens von Formen. Das Offene, nach vorn gerichtete, antizipierende Moment des Rhythmus wird auch in psychologischen Forschungen zur Zeitwahrnehmung betont. Was die Wirkungsdimension des Rhythmus betrifft, so tritt hier eine Grundspannung avantgardistischer Praxis und Theorie in besonders signifikanter Weise hervor. Gemeint ist die Polarität zwischen immersiven und reflexiven Effekten, d. h. zwischen sensomotorischer und affektiver Überwältigung des Rezipienten einerseits und Steigerung des Formbewusstseins und der Selbstbeobachtung des rhythmisch Wahrnehmenden und Agierenden andererseits.

Der Begriff der Projektion soll als Gegenbegriff zum Utopismus akzentuiert werden. Er impliziert ein in Variablen und möglichen Alternativen operierendes Entwurfsdenken, ein tentatives und experimentelles Antizipieren, ein Erfinden von Versuchsordnungen mit offenen Ergebnissen. Er betrifft zugleich ein technisches Dispositiv der optischen Projektion, das im Leitmedium des Kinos manifest wird. Beide Aspekte werden im Diskurs der Avantgarde miteinander verbunden und verdichten sich in einem spezifischen ikonographischen Repertoire (Spirale, Strahlen, Sendemast, Scheinwerfer, Entwurfsdiagramm u.a.).

Das Projekt will diese Problematik am Beispiel folgender Gegenstände untersuchen:

  • Rhythmische Bewegungspädagogik (Tanz, rhythmische Gymnastik, Arbeitstraining) und deren enger Zusammenhang mit reflexologischer Bewegungsforschung (Nikolaj Bernštein, Nikolaj Tichonov),
  • die enge Kooperation dieser Forschungen mit den künstlerischen Avantgarden (Literatur, Theater, Film)
  • der „energetische“ Diskurs in Physiologie (Vladimir Bechterev) und Philosophie (Pavel Florenskij, Aleksandr Bogdanov) und dessen Bedeutung für transformative Rhythmuskonzepte
  • „Modell“ und „Methode“ als Leitkategorien projektiven Denkens (etwa in der „Organisationswissenschaft“ Aleksandr Bogdanovs)
  • Rhythmusexperimente der Theateravantgarden (neben Meyerholds „Biomechanik“ vor allem des bislang weitgehend unerforschten „Projektionstheaters“ Solomon Nikritins)
  • Rhythmus/Projektions-Nexus im Film (Ėjzenštejn, Vertov, Ermler, Dovženko)
  • die Adaption experimentalpsychologischer Rhythmusforschung in Poetiken, Kunsttheorien und Kunstpraktiken (am „Institut des lebendigen Worts“/IŽS und an der „Staatlichen Akademie der Kunstwissenschaften“/GAChN)
  • die in wissenschaftlichen und künstlerischen Diskursen der Zeit intensiv diskutierte Verbindung phylogenetischer Frühformen und kulturtechnisch elaborierter Formen rhythmischer Praxis.

Das Projekt „Rhythmus und Projektion“ gliedert sich in die drei Teilprojekte:

Anthropologien des Rhythmus (Elena Vogman)

Form und Wirkung (Georg Witte)

Projektionismus (Ekaterina Tewes)