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Form und Wirkung

Thema des von Georg Witte geleiteten Teilprojekts „Form und Wirkung: Zum Verhältnis psychologischer und poetologischer Rhythmusforschung“ sind die Verbindungen zwischen psychologischer und früher strukturanalytischer Rhythmusforschung seit ca. 1900.  Erstens soll rekonstruiert werden, wie die Etablierung des Rhythmus als Kategorie einer Psychologie der „Zeitvorstellung“ (Wundt)  und die Hypothese physiologischer Korrelate der Rhythmusempfindung (Fechner, Meumann u.a.) das verspoetologische Denken beeinflussten. Zweitens soll die Bedeutung der psychologischen und formalistischen Rhythmustheorien für die ästhetiktheoretische  – heute wieder intensiv diskutierte – Frage nach einem besonderen Typus ästhetischer Emotionen herausgearbeitet werden. Drittens soll gezeigt werden, wie in der Begegnung  wahrnehmungspsychologischer und sprachstruktureller Forschungsinteressen die Vorstellung  des Verstexts als eines in sich permanent dynamisierten, sich ereignenden, psychisch immer neu einregulierten Prozesses der rhythmisch organisierten Rede entsteht.

Unter diesem Aspekt sollen besonders die schwach rezipierten Versuche innerhalb der russischen Literaturwissenschaft der 1910 und 1920er Jahre, formalistische und psychologische Ansätze zu verbinden, akzentuiert werden. Das betrifft v.a. die enge Bindung „dynamischer“ Emotionswerte (Spannung/Lösung) an versrhythmisch ausgelöste Bewegungsvorstellungen in der Deklamationsforschung am „Institut des lebendigen Worts“ (Sergej Bernštejn) und die versrhythmischen Studien Andrej Belyjs. Studien zum „Bewegungsbild“ des Gedichts und seinen motorischen Assoziationen stützen sich auf physiologische Konzepte eines akustisch-motorischen neuronalen Resonanzsystems und beschreiben Wechselwirkungen zwischen motorischen Muskelinnervationen und versrhythmischen Impulsen (Sof’ja Vyšeslavceva). Zugleich sollen die engen Verbindungen zu musikpsychologischen Forschungen und zur psychologischen Erzählforschung (Sergej Vygotskij über Koppelungen zwischen Atemrhythmen und Sujetrhythmen) freigelegt werden.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der  Rhythmusforschung  an der „Staatlichen Akademie der Kunstwissenschaften“ (GAChN). Die GAChN war ein avancierter Ort des Dialogs zwischen formanalytischen, phänomenologischen und empirisch-psychologischen Kunstwissenschaften. Im Mittelpunkt ihrer Rhythmusforschung stand die Frage, wie das Verhältnis automatisierender und „suggestiver“ Rhythmuseffekte des poetischen Worts einerseits sowie formreflexiver und formdynamisierender Rhythmuseffekte andererseits bestimmt werden kann.