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Anthropologien des Rhythmus

Elena Vogman erforscht im Teilprojekt „Anthropologien des Rhythmus“ die Quergänge des Paradigmas Rhythmus in einer Konstellation von künstlerischen, sozialen, ethnologischen, ergonomischen und medialen Praktiken im 20. Jh. In ihrer wissenschaftlich und künstlerisch erprobten Kultur des Experiments hat die sowjetische Avantgarde auf einmalige und verblüffende Weise den Rhythmus zum Potential einer körperlichen Erkenntniskraft gemacht. Dies trifft nicht nur für die künstlerischen Techniken des Ausdrucks zu (so beispielsweise für die Biomechanik der Bewegung und das Theater von Meyerhold, das Maschinentheater Foreggers und das Projektionstheater Nikritins; die Kinoexperimente von Eisenstein, Ermler und Vertov; die „Fabrik des exzentrischen Schauspielers“ u.a), sondern auch für die erkenntnistheoretischen, didaktischen und ergonomischen Praktiken (Gastev, Belyj, Sidorov, Institut des Rhythmus, das choreologische Labor der GAChN u.a.).

Im ersten Schritt analysiert das Projekt einige bislang vernachlässigte Konstellationen von Materialspuren, die unter dem Begriff der „Dynamografien“ konzeptualisiert werden. Es handelt sich um die unterschiedlichen Formen und Dispositive der Bewegungs-aufzeichnung: Notizen, Zeichnungen, Entwürfe, künstlerische und wissenschaftliche Notationen, Tagebücher aus den Bereichen des Films, des Theaters, der Psychologie und Anthropologie, der Typographie, der Poesie und Poetik der 1920-er Jahre. Im zweiten Schritt werden diese Fallstudien ins Verhältnis zu anderen künstlerischen und wissenschaftlichen Experimenten in der zweiten Hälfte des 20. Jh. gesetzt. Es geht dabei um den Versuch, den Rhythmus als anthropologisches Paradigma zu denken, das gerade mittels neuer Techniken ein politisches, epistemisches und poetisches Potential mobilisiert. Ziel ist es, das Paradigma des Rhythmus sowohl in seiner Rekurrenz in den jeweils heterogenen Bereichen und Kulturen wie auch in der jeweiligen formellen Singularität und Lokalität im Sinne einer Anthropologie zu denken.